Sich von Jesus herausfordern lassen
Im Matthäusevangelium findet sich eine Stelle, die seit Jahrhunderten Diskussionen auslöst und für manche ein schwieriger oder umstrittener Text ist. Darin werden die Worte Jesu an seine Jünger wiedergegeben, in denen er sagt: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist - Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ (Mt 10, 37-42)
Wer stöhnt heute nicht unter der Last der zahlreichen Anforderungen, die uns so sehr belasten? Das beginnt schon bei den Kindern, die dazu angespornt werden, nicht nur in der Schule, sondern auch in ihrer Freizeit bestmögliche Leistungen zu erbringen. Bei den Erwachsenen überträgt sich dieser Leistungsdruck dann auf das Berufsleben. Die Arbeit muss pünktlich und gewissenhaft erledigt werden. Man muss immer auf dem Laufenden bleiben und sich den täglichen Herausforderungen stellen. Die heutige Gesellschaft hat das Prinzip der Leistungsfähigkeit zu ihrem obersten Wert erhoben. Wer diesem nicht gerecht wird, geht unter. Unter diesem Druck droht vielen Menschen ein Zusammenbruch.
Auf den ersten Blick scheinen die Worte Jesu dem heutigen Leistungsprinzip zu entsprechen. Jesus spricht davon, ihm nachzufolgen, und knüpft daran strenge Bedingungen: Wer seine Eltern oder seine eigenen Kinder mehr liebt als ihn, wer nicht bereit ist, sein Kreuz auf sich zu nehmen, ist seiner nicht würdig; nur wer sich selbst vergisst, wer sein eigenes Leben nicht schätzt und es für Jesus verliert, der wird es gewinnen. Von bedingungsloser Akzeptanz seitens Gottes ist hier nicht viel zu erkennen. Ja, Jesus stellt seine Anforderungen - und viele denken: Jesus stellt zu hohe Anforderungen an mich. Ich bin nicht stark genug, um diesen Erwartungen gerecht zu werden.
Aber ist das, was Jesus von uns verlangt, wirklich eine zu große Belastung? Sind seine Erwartungen zu hoch? Wäre es nicht besser, wenn er unsere Schwäche und Unvollkommenheit ernst nehmen und großzügig auf solche Anforderungen verzichten würde?
Machen wir einmal eine Probe und stellen wir uns vor, Jesus hätte etwas gesagt, das genau das Gegenteil von dem ist, was wir im heutigen Evangelium lesen. Es würde in etwa so klingen: „Lasst euch von mir nicht zu sehr belasten. Eure familiären Bindungen sind viel wichtiger als meine Person und meine Botschaft vom Reich Gottes. Bleibt so, wie ihr seid. Meidet die Kreuze, die euch auferlegt werden könnten. Umgeht alle Schwierigkeiten. Nur so werdet ihr meiner würdig sein. Strebt nach dem Leben, strebt nach Selbstverwirklichung und stellt euch selbst an die erste Stelle - nur so werdet ihr wahres Glück und Leben finden. Strengt euch nicht zu sehr an, mir zu folgen, denn euer Lohn ist euch ohnehin sicher.”
Ehrlich gesagt kann ich mir solche Worte aus dem Munde Jesu nicht vorstellen. Das wäre nicht der „wahre” Jesus. Solche Formulierungen würden zu einem blassen Christentum führen. Niemand würde sich dadurch wirklich herausgefordert fühlen. Ein solcher Christ zu sein, wäre letztendlich langweilig.
Da möchte ich fast ausrufen: „Gott sei Dank”. Gott sei Dank, dass Jesus Anforderungen an mich stellt. Gott sei Dank, dass seine Liebe zu mir nicht bedeutet, dass er mich so lässt, wie ich bin. Er kennt meine Fähigkeiten und Talente. Er überlässt mich nicht meiner Faulheit, sondern setzt Hoffnung in mich. Er glaubt, dass ich fähig bin, mich für seine Botschaft vom Reich Gottes einzusetzen, und ruft mich dazu auf, ihm radikal nachzufolgen.
Und wer von uns hat das nicht schon erlebt: Wenn Erwartungen an mich gerichtet werden, wenn etwas von mir verlangt wird, dann fühle ich mich motiviert und bin in der Lage, meine Fähigkeiten zu entfalten, sie einzusetzen und zu zeigen, wozu ich fähig bin. Bei der Nachfolge Jesu ist es nicht anders.
Wer von uns hat das nicht schon erlebt: Dort, wo ich etwas auf mich genommen habe, wo ich Schwierigkeiten nicht aus dem Weg gegangen bin, wo ich als Christ auf die Probe gestellt wurde und notfalls gegen die Überzeugungen meiner Umgebung handeln musste, dort war ich plötzlich zu Taten fähig, zu denen ich mich zuvor nicht getraut hätte.
Und wer von uns hat das nicht schon erlebt: In Situationen, in denen ich mein eigenes Leben, mein eigenes Wohl und meinen eigenen Komfort nicht an die erste Stelle gesetzt habe, in denen ich die Botschaft Jesu ernst genommen und mich gewissermaßen zugunsten eines anderen Menschen zurückgenommen habe, um ihm zu helfen und ihm zur Seite zu stehen - in solchen Situationen konnte ich sagen: Das war es wert - für mich, für diesen Menschen, für das Reich Gottes.
Solche Erfahrungen bestätigen: Ich kann Jesus zulassen, dass er mich herausfordert. Er will mich damit nicht überfordern oder gar unter Druck setzen, etwas zu erreichen. Er kennt meine Schwächen und weiß, wozu ich nicht fähig bin. Aber er kennt auch die Fähigkeiten, die in mir stecken. Und er möchte mich gerade dank dieser Fähigkeiten dazu berufen, ihm nachzufolgen. Er möchte, dass ich mein Leben in seinen Dienst stelle, damit ich zur Verwirklichung des Reiches Gottes beitrage.
Lassen wir uns von Jesus herausfordern!